Ein Auslandssemester in Dalian, Sommersemester 2019

Ein Auslandssemester in Dalian, Sommersemester 2019

Anna hat ihr Auslandssemester im Sommersemester 2019 in Dalian absolviert. Darüber berichtet sie hier!

 

Inhalte und Ablauf

Von Anfang März bis Mitte Juli 2019 haben wir ein Auslandssemester in Dalian im Nordosten Chinas gemacht. Seit einigen Jahren besteht ein Austauschprogramm zwischen dem Institut für Wirtschaftschemie (Institut für betriebswirtschaftliches Management im Bereich Chemie und Pharmazie) der WWU Münster und der School of International Education (SIE) der Dalian University of Technology (DUT). Innerhalb dieses Austauschprogramms können einige Business-Kurse des International Master of Business Administration (IMBA) besucht werden sowie die Comprehensive Class des Elementary Chinese Course. Ich habe zwei Business-Kurse (Marketing Management, Organizational Behaviour) sowie den Comprehensive Chinese Course absolviert. Die Business-Kurse sind Block-Kurse mit jeweils ca. 24-30 Stunden Vorlesung, der Chinesisch-Kurs hingegen besteht aus täglich 1,5 Stunden Unterricht mit anschließenden umfangreichen Hausaufgaben, täglich neuen Vokabeln/Grammatik und einem zweiwöchentlichen Test (schriftlicher und mündlicher Teil). Die anderen Studierenden der Chinesischklasse haben durchweg 4 verschiedene Chinesisch-Kurse besucht (Listening, Speaking, Writing, Comprehensive), während das Austauschprogramm für uns nur die Comprehensive Class vorsah. Die Comprehensive Class ist allerdings der wichtigste und anspruchsvollste Kurs, da dort alle Fähigkeiten trainiert werden. Besucht man nur die Comprehensive Class, muss man zwar selbst mehr arbeiten und wiederholen, mit den anderen Studierenden mitzuhalten stellt aber gar kein Problem dar.

Planung

Um ein Studentenvisum zu beantragen werden Dokumente der chinesischen Universität im Original benötigt, die erst abgesendet werden können, wenn diese in China einer Prüfung unterzogen worden sind. Die Fertigstellung des Visums nimmt nach Einreichung dieser Dokumente allerdings nur wenige Tage in Anspruch. Letztlich lief alles problemlos ab über die Kontaktpersonen Rainbow und Dorothy, das Visum kam rechtzeitig und wir wurden die ersten Wochen vor Ort sehr eng betreut. Die für den Austausch Verantwortlichen in China haben alles getan, damit wir uns dort zurechtfinden (sie haben uns zu Beginn selbst beim Einkaufen geholfen, da man ja nichts lesen kann). Wir haben in einem Studentenwohnheim für ausländische Studierende gewohnt, sodass wir uns nicht eigenständig eine Wohnung suchen mussten. In China ist es grundsätzlich so vorgesehen, dass Studierende in Studentenwohnheimen auf dem Campus wohnen. Welche Vorbereitungen mir das Leben allerdings sehr viel einfacher gemacht hätten bzw. einigen Ärger erspart hätten, findet ihr weiter unten unter „Empfehlungen für andere Studierende“.

Beim Planen hilft es insbesondere mit einer Person in Kontakt zu stehen, die entweder bereits an der spezifischen Universität zum Austausch war oder gerade dort ist, um etwaige aufkommende Fragen klären zu können.

Besondere Gewinne

Hier möchte ich die Begegnung mit so vielen Menschen unterschiedlichster Kulturen anführen, denen ich sonst niemals begegnet wäre. Die Zusammensetzung der ausländischen Studierenden in China unterscheidet sich stark von der Zusammensetzung in westlichen Ländern. Auch während anderer Auslandsaufenthalte habe ich viele Menschen unterschiedlichster Nationen kennen gelernt, der Großteil bestand allerdings aus Europäern, Australiern, Amerikanern, Brasilianern und Israelis, mit denen ich dann doch relativ viel kulturellen und sozialen Hintergrund gemein hatte. In Dalian hingegen waren die meisten Austauschstudierenden pakistanischer, russischer, thailändischer, nordkoreanischer Herkunft oder kamen aus verschiedenen kleinen afrikanischen Staaten. Die Mixtur bezüglich verschiedener Denkweisen, Gesellschaften, in denen man aufgewachsen ist und/oder verkehrt, Werten, Religionen und auch Informationen, die jeder durch seine nationalen Medien erhält, war unglaublich vielfältig. Ich habe sehr viel über andere Staaten und Lebensweisen erfahren. Jeder denkt, er lebt in der „richtigen“ Welt, er hätte die „richtigen“ Informationen und die „richtigen“ Werte, doch letztendlich gibt es sehr viele verschiedene Realitäten und Parallelwelten, von denen keine „die eine“ oder „richtig“ ist. In Nordkorea, Sambia oder Iran beispielsweise gelten ganz andere Werte als in Deutschland, die Prioritäten bezüglich Bildung, Staat, Familie, Demokratie, Sprachen, Freiheit etc. sind ganz anders verteilt. Die Gespräche und Diskussionen mit Menschen aus diesen kulturell und systemisch sehr weit von Deutschland entfernten Ländern hat mich am meisten bereichert.
Auch die chinesische Kultur unterscheidet sich deutlich von der unseren, gerade bezüglich der Themen Demokratie, Individualität, Höflichkeit, Gehorsam, Kritik und Sicherheitsdenken.

Fachliche Gewinne

Fachlich hinzugewonnen habe ich in erster Linie durch das Erlernen der chinesischen Sprache. Mittlerweile kann ich mich in China ohne ein Wort Englisch zurechtfinden und einfache Konversationen führen. Des Weiteren habe ich zwei Business-Kurse des International MBA in Dalian absolviert: Marketing Management und Organizational Behaviour. Hier habe ich vor Allem einen tieferen Einblick in Organisationssysteme, Persönlichkeiten und Rollen, Entscheidungsfindung, -verhalten und -beeinflussung, Führungsstile und Gruppendynamiken erhalten. Die Grundkenntnisse der chinesischen Sprache und den Einblick in so viele so verschiedene Kulturen erachte ich jedoch als den größten Gewinn, gerade im Hinblick auf meine spätere internationale Berufswelt.

Enttäuschte Erwartungen

Das Tempo der MBA Kurse war verhältnismäßig langsam, das Englischlevel vieler Studierenden schlecht und die Inhalte (im Vergleich zu mir aus Deutschland bekannten Kursen) beschränkt. Das Studium zielt auf Auswendiglernen und Befehle ausführen ab, eigenständiges Denken und kritisches Nachfragen wird nicht gerne gesehen. Viele meiner Freunde, die einen Forschungsaufenthalt in China absolvieren/absolviert haben, haben diesen Eindruck eindeutig bekräftigt und sogar verstärkt.

Empfehlungen für andere Studierende

Sollte man die chinesische Sprache erlernen wollen, so ist ein Auslandssemester in China die beste Möglichkeit. Bezüglich der Planung des Aufenthalts und des Lebens in China habe ich im Folgenden die wichtigsten Punkte zusammen gefasst:

• Vor der Einreise sollte man auf jeden Fall einen VPN-Client auf seinem Mobiltelefon installieren! Sollte man ein Google-basiertes Smartphone, wie z.B. Samsung oder Huawei besitzen, funktionieren nämlich kaum noch Apps, da Google, Facebook und viele Websites geblockt werden. Man kann auch den Google-Playstore nicht mehr öffnen, um sich einen VPN-Client oder andere Apps herunterzuladen, d.h. die Situation ist tatsächlich schwierig.

• Man sollte sich am besten direkt bei der Ankunft bei WeChat registrieren. In China läuft alles über dieses Programm (Chatten, Kontakt mit Dozenten und Offiziellen, bezahlen, Züge/Flüge buchen, Anmeldungen für Diverses wie Reisen/Marathon/Uni-Events…). Um die Registrierung zu vervollständigen muss man allerdings von einem WeChatnutzer, der WeChat seit > 6 Monaten oder WeChat Pay nutzt, verifiziert werden. Wenn es funktioniert, kann man sich auch bereits vor der Abreise in Deutschland bei WeChat registrieren. Bei mir ging das problemlos, ich musste auch nicht von anderen Nutzern verifiziert werden – allerdings kenne ich auch viele, bei denen das nicht geklappt hat. Dann aber keine Sorgen machen (die Kriterien sind etwas willkürlich), mit einer chinesischen Nummer klappt es dann bestimmt.

• Wenn man längere Zeit in China lebt, sollte man umgehend ein chinesisches Bankkonto eröffnen, um WeChat Pay oder AliPay verwenden zu können (ich habe ein Konto bei der ICBC Bank eröffnet). Wie oben bereits erwähnt, kann man mit WeChat fast alles buchen/kaufen/organisieren, hat man allerdings kein WeChat Pay, sind viele Funktionen nur eingeschränkt oder nicht nutzbar.

• Man sollte auf keinen Fall Geld in Deutschland wechseln, oder – wenn man zur Sicherheit gerne etwas chinesisches Bargeld hätte – so wenig wie möglich. Die Wechselkurse der deutschen Banken sind sehr schlecht. Wenn man stattdessen in China Geld abhebt, sind die Wechselkurse super und mit einigen Kreditkarten (ich nutze z.B. DKB) zahlt man auch keine Abhebungsgebühren. Am schlausten wäre es folglich, genug Bargeld für eine Taxifahrt zur nächsten ATM zu halten und dort dann weiteres Bargeld abzuheben.

• Eine sehr große Erleichterung stellt es dar, wenn man einen guten Chinesisch-English/Deutsch Übersetzer auf dem Mobiltelefon installiert hat, bei dem man auch zeichnen kann oder chinesische Zeichen zur Übersetzung fotografieren kann. Ich nutze den Google-Übersetzer und bin sehr zufrieden damit. Der funktioniert (sobald man ihn einmal heruntergeladen hat) auch ohne VPN-Verbindung.

• Innerhalb Chinas kann man super die WeChat Map nutzen – wenn man sich etwas an die chinesischen Schriftzeichen gewöhnt hat. Aber auch sonst werden dort die Bus- und U-Bahn-Verbindungen super angezeigt und die Zeiten sind realistisch, auch wenn man noch nicht so gut chinesisch kann.

• Des Weiteren ist der Lonely-Planet als Reiseführer sehr zu empfehlen.

• Man sollte frühzeitig die Gültigkeit seines Reisepasses überprüfen und gegebenenfalls einen Neuen beantragen.

• Alle benötigten Dokumente sollten mit genügend Vorlaufzeit an die chinesische Universität geschickt werden.

• An Bushaltestellen findet man viele Fahrplanaushänge in chinesischen Schriftzeichen und in englischer Sprache – einfach mal auf die Rückseite schauen.

Für weitere Fragen per Mail oder auch ein Gespräch stehe ich gerne bereit. Kontaktiert mich am besten über roehnelt.anna@gmail.com.

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